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International Interviews

Interview mit NHL-Scout Thomas Roost



Als absoluter Insider gewährt der Zürcher Thomas Roost einen Blick hinter die Kulissen der Scouting-Arbeit. Spieler wie Marián Gáborík, den er bereits mit 15 als potentiellen NHL-Spieler identifizieren konnte, hat er als einer der ersten Scouts ins Radar der NHL-Teams gerückt.

Über Insights in den Ablauf des Scoutings, die nächste Welle an NHL-Stars und seine Einschätzungen zum österreichischen Eishockey spricht der NHL-Scout im thefanblog.at-Interview mit Alex Pinter.

TFB: Herr Roost, Sie scouten aktuell für das NHL Central Scouting Bureau und einzelne Clubs. Wie sind Sie generell zum Scouting gekommen?

Roost: Korrekt, ich scoute seit 15 Jahren für Central Scouting Europe (NHL), seit drei Jahren bin ich zudem Consultant beim SC Bern bzw. seit dem Vorjahr auch beim EHC Biel. Zum Scouting bin ich über mein Interesse und die Leidenschaft für den Eishockeysport gekommen. Das Draft- und Trade-System im US-Profisport hat mich immer schon fasziniert. Zentral war auch die für mich ungelöste Frage, welche Beobachtungen bei jungen Spielern zu welchen Rückschlüssen hinsichtlich ihrer möglichen Profikarriere führen.

TFB: Und dann kam wahrscheinlich ungeplant ein Erstkontakt zu einem Scout namens Göran Stubb zustande…

Roost: Nein, ungeplant nicht. Ich bin auf meine eigene Initiative mit Scouts in Kontakt getreten, die mich glücklicherweise mit Infos und Erklärungen in die Scouting-Thematik eingeführt haben. Dann ging es Schlag auf Schlag: Zuerst meine freiberufliche Tätigkeit für das nordamerikanische Scouting-Magazine „Red Line Report”, dann die Vertragsunterzeichnung mit NHL Central Scouting, die über Göran Stubb zustande kam. Er hat meine Scouting Reports im Red Line Report gelesen und hat mir den Vertrag angeboten – vor mehr als 15 Jahren. Der Zeitpunkt war damals einfach ideal, da das schweizer Juniorenhockey den Anschluss an die erweiterte Weltspitze geschafft hatte und somit am Rande auch von den NHL-Verantwortlichen wahrgenommen wurde.

TFB: Wie sieht ein solcher Vertrag, wie Sie ihn mit der NHL haben, aus?

Roost: Mein Vertrag wird Jahr für Jahr immer wieder verlängert – vorausgesetzt die Leistung passt. Über die letzten 15 Jahre war man mit meiner Arbeit zufrieden. (lächelt) Natürlich bin ich sehr stolz auf mein kleines Mandat bei der NHL.

TFB: Wo liegt der Sinn und Zweck des Central Scouting Bureau (CBS)? Für viele ist das ja eine nicht wegzudenkende Institution.

Roost: Das Central Scouting Bureau dient als Zweitmeinung für die NHL-Franchises. Unsere Spielerreports sind allen NHL-Verantwortlichen zugänglich, unsere Rankings sind sogar öffentlich einsehbar. Sie dienen als Diskussionsgrundlage für die NHL-Teams und – wie gesagt – als Zweitmeinung. Darüber hinaus sind wir für die Klub-Scouts und GMs bei internationalen Juniorenturnieren und Weltmeisterschaften „Dienstleister vor Ort“ (Empfehlungen bei Hotelauswahl, Ansprechpartner für Statistiken sowie für persönliche Daten über Spieler etc).

TFB: Wie stehen die NHL-Teams zu den publizierten Rankings (Pre-Season, Mid-Season, Final)? Tauscht man sich mit den Vereinen punktuell auch aus?

Roost: Es ist eine Art Hassliebe. Es gibt immer auch verdeckte Kritik an unserer Arbeit, vielleicht auch darum, weil einzelne Teamscouts unsere Arbeit als eine Art Konkurrenz betrachten. Sie haben Angst, dass sie ihre Anstellung verlieren wenn das Central Scouting Bureau sehr gut arbeitet und so ihren Job teilweise überflüssig macht. In Summe ist es aber eine partnerschaftliche Zusammenarbeit und ja, ich tausche mich sehr oft mit den Teamscouts aus: Sie fragen mich über Spieler in der Schweiz und Deutschland, ich frage sie über Spieler in ihrem Heimatland. Im Prinzip ist es ein Geben und Nehmen. Die Teamscouts sprechen viel eher mit CBS-Scouts als mit Scouts anderer NHL-Franchises, weil wir neutral,  unabhängig und nicht direkte Konkurrenten sind.

TFB: Was ist die zentrale Aufgabe von Scouts? Wo liegen zentrale Problemfelder und Herausforderungen Ihrer Arbeit?

Roost: Die primäre Aufgabe von Scouts ist die Vorhersage über die zukünftige Entwicklung von Nachwuchsspielern. Das Problemfeld liegt bei den so genannten „Draftees“. Gedraftet werden sie im Alter von 17 oder 18 Jahren, aber wo liegt ihr Potential mit 20, 21 oder 22? Das sind im Durchschnitt vier Jahre, die man vorausschauen muss. Dabei richtig zu liegen, ist sehr schwierig.

Relativ einfach sind die „Top-Shots“, da gibt es kaum Geheimnisse bzw. große Abweichungen bei den Beurteilungen. Deutlich schwieriger ist es, für die späteren Draft-Runden versteckte „Diamanten“ zu empfehlen. Vor allem in dieser Kategorie trennt sich die Spreu vom Weizen. Gute Scouting-Organisationen heben sich genau an dieser Stelle von weniger guten ab (Anm.: eines der besten Beispiele dafür sind Detroit Red Wings mit Datsyuk, 1998 an 171. Stelle, und Zetterberg, 1999 an 210. Stelle).

TFB: Spieler aus den EBEL-Nationen scheinen bis dato in Ihren Rankings nur äußerst selten auf. Werden diese Länder aktuell überhaupt seitens CSB gecovert? Wenn nein, warum nicht – Ressourcenmangel oder schlichtweg eine zu geringe Anzahl an Talenten?

Roost: Beides ist richtig. Zum einen passt für ein systematisches Scouting das Verhältnis Aufwand/Ertrag nicht. Zum anderen wechseln die besten Talente aus diesen Ländern schon sehr früh ins Ausland (USA, Kanada,  Skandinavien). Sie werden dort – vorausgesetzt, dass sie ausreichend talentiert sind – auch in den Rankings erscheinen.

TFB: Jede NHL-Organisation verwendet ihre eigenen Scouting-Methoden. Nach welchen Kriterien werden die Spieler von Ihnen bewertet? Gibt es hier Unterschiede (auch innerhalb des CSB)?

Roost: Ja, da gibt es ganz bestimmt Unterschiede. Diese werden auch immer wieder diskutiert. Es gibt keine absoluten Wahrheiten. Unter über 30 Kriterien sind für mich folgende vielleicht am wichtigsten: die Lernfähigkeit, die Fähigkeit, das Spiel schnell zu lesen, körperliche Mindestvoraussetzungen, eine so genannte mentale Toughness und zumindest ein herausragender Aspekt im technischen Bereich.

TFB: Scouts reisen viel, sehen in Summe zwischen 100 und 250 Spiele pro Saison. Beschränkt es sich bei Ihnen primär auf den Schweizer Raum? Bzw. wenn nicht, wie wäre der prozentuale Split?

Roost: Ich sehe pro Saison rund 100 Spiele, allerdings waren es letzte Saison 115 und bis jetzt sind es heuer auch schon wieder 97. Der Split ist ungefähr: 30 Prozent internationale Juniorenspiele mit Fokus auf jene mit Beteiligung der Schweiz und Deutschlands, 20 Prozent nationale Nachwuchspartien in der Schweiz, fünf Prozent in Deutschland, 20 Prozent nationale Profispiele in der Schweiz, zehn Prozent in Deutschland und 15 Prozent übrige Spiele in anderen Länder plus Übersee.

TFB: Wie würden Sie einen typischen „Thomas Roost Scouting Day” beschreiben, beispielsweise im Rahmen der World Juniors)?

Roost: Am Morgen ein rascher Online-Research über alle Geschehnisse der letzten Nacht in der nordamerikanischen Hockeywelt (NHL, AHL, OHL, WHL, QMJHL, NCAA), danach Frühstück mit dem Scoutingteam. Anschließend verfasse ich Spielerreports im Online-Programm von Central Scouting über die Spiele vom Vortag und passe die Spielerrankings an. Dann weiter zum Mittagessen mit dem Team und zur Einsatzplanung für die Spiele der kommenden Tage.

Bevor es Richtung Nachmittagsspiel geht, ziehe ich mich ins Hotelzimmer zurück und bereite die Dokumente für den aktuellen Spieltag vor. Welche Spieler werde ich spezifisch beobachten und auf welche Kriterien habe ich bei welchem Spieler ganz besonders zu achten? Bei der Spielbeobachtung selbst inkludiere ich auch das Warm-up. Zwischen den einzelnen Partien fachsimple ich mit Scoutingkollegen, esse eine Kleinigkeit und bereite mich dann gezielt auf das Abendspiel vor. Nach dem Abendspiel geht es zurück zum Hotel und einem schnellen Bier an der Bar.

THEFANBLOG.at: Welche jungen Spieler drängen aus Europa nach? Wer sind die kommenden NHL-Stars von morgen? Gibt es einen, der Ihrer Meinung nach ganz besonders heraussticht?

Roost: Aus heutiger Sicht würde ich den schwedischen Allroundverteidiger Adam Larsson und den spektakulären russischen Flügel Nail Yakupov nennen. Larsson spielt extrem abgeklärt und kommt nie in Bedrängnis, er liefert bereits sehr reifes, intelligentes Hockey und ist zudem groß und kräftig. Yakupov ist ein richtiger Ticket-Seller, ihm zuzuschauen macht ganz einfach Spass, wegen Spielern wie ihm kauft man Eintrittskarten. Er spielt bereits in der kanadischen OHL (Anm.: Ontario Hockey League) und wird erst 2012 für die NHL gedraftet. Ich habe ihn vor zwei Jahren zum ersten Mal live spielen gesehen und danach mehrmals via TV oder Internet-Livestream. Er hat Moves wie Pavel Datsyuk, seine Körpertäuschungen, seine Körperbeherrschung und seine Stocktechnik sind schlicht und einfach Weltklasse.

THEFANBLOG.at: Michael Grabner und Nino Niederreiter sind seit heuer Teamkollegen bei den NY Islanders. Wo sehen Sie Ihren Landsmann Niederreiter in drei Jahren? Wird er sich Ihrer Meinung nach in der NHL etablieren können, welches Potential attestieren Sie ihm?

Roost: Niederreiter ist ein klassischer Power Forward, den ich in drei Jahren in der NHL sehe. Allerdings steht noch in den Sternen geschrieben, in welcher Rolle er dort auflaufen wird. Ein Fixplatz in einer Scoring Line wie bei Grabner ist nicht gesichert. Fakt ist, dass Niederreiter groß und kräftig ist und auch das physische Spiel nicht meidet. Er würde also auch in einer Checking oder Grinder Line eine gute Figur machen. Ich bin überzeugt, dass Niederreiter in beide Rollen hineinwachsen kann. Genau aus diesem Grund wird er es schaffen.

THEFANBLOG.at: Thema: Nationalteam: Warum ist Österreich keine etablierte A-Nation? Wo sehen Sie Unterschiede zur Schweiz?

Roost: Die Unterschiede im Nationalteam sind nicht groß, Österreich hat aktuell sogar eher die besseren „High-End-Spieler”. Das heißt, wenn alle Österreicher an Board sind – inklusive den NHLern – dann hat die Schweiz nur minimale Vorteile. Die Schweizer haben keinen Vanek, keinen Grabner. Der Unterschied liegt aber vor allem in der Kadertiefe. Die Eidgenossen haben den besseren dritten und vierten Block im Nationalteam. Das schweizer B-Team würde vermutlich das österreichische B-Team klar besiegen. Weiters sehe ich noch Vorteile in der Defensive, wo es mit Mark Streit eine etablierte NHL-Größe gibt.

thefanblog.at: Deutschland scheint seit der Heim-WM wieder stärker im Kommen zu sein. Täuscht dieser Eindruck? Wenn nicht, was haben sie im Nachwuchsbereich in den letzten drei bis vier Jahren umgestellt?

Roost: Deutschland hat bei der Heim-WM klar über seinem Wert gespielt, das täuscht über die wahre Stärke hinweg. Vor nicht allzu langer Zeit sind die Deutschen noch in die B-Gruppe abgestiegen. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Die Deutschen haben in den letzten drei, vier Jahren auf der Juniorenebene wieder fast zu den Schweizern aufgeschlossen. Für dieses und das nächste Jahr, auf Stufe der 18-Jährigen, sehe ich aber wieder deutlichere Vorteile für die Schweiz.

thefanblog.at: Letzte Frage: Wohin führen Sie Ihre nächsten Scouting-Reisen? Wird man Sie auch bei der A-WM in der Slowakei sehen?

Zunächst verfolge ich jetzt das Junioren-Playoff-Finale in der Schweiz, dann ein Regio-U14-Turnier in der Schweiz und danach die U18-WM in Deutschland. Die Senioren-WM in der Slowakei verfolge ich nur im TV.

 

ZUR PERSON

Thomas Roost (51) ist neben seiner Tätigkeit in der Konzernleitung des Touristikunternehmens Hapimag seit 15 Jahren als professioneller Eishockey-Scout für die NHL und Schweizer Clubs (SC Bern, EHC Biel) unterwegs. Roost ist alleinverantwortlicher Talentesucher für die Schweiz und Deutschland sowie zusammen mit dem Europa-Team der NHL-Scouts für die jährlichen, gesamteuropäischen Spieler-Rankings verantwortlich.

(Aktualisierte Version vom 2. Dezember 2011)