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EBEL Interviews

Interview mit ORF-Experte Peter Znenahlik



Die geballte Erfahrung aus 20 Bundesligajahren mit 719 Einsätzen sowie aus 93 Nationalteamauftritten machen Peter Znenahlik zu einem der führenden Experten im österreichischen Eishockey. Als ORF-Analytiker bei Länderspielen genießt er – gerade weil er selten beschönigt, sondern Probleme und Unzulänglichkeiten vielmehr klar anspricht – besonders in Fankreisen große Popularität.

Im THEFANBLOG.at-Interview spricht der Wahl-Grazer über das Eishockey in der Steirischen Landeshauptstadt, die Entwicklungen in der EBEL, Österreichs vieldiskutiertes Nachwuchsproblem und den Neustart im A-Nationalteam. Die Fragen stellte Armin Biedermann.

TFB: Herr Znenahlik, es gab in den letzten Tagen und Wochen einigen Gesprächsstoff in der Grazer Eishockeyszene. Wie würde Ihre aktuelle Bestandsaufnahme aussehen – sowohl was die 99ers und den ATSE, als auch die Situation im Nachwuchs betrifft?

Znenahlik: Leider ist, soweit es die Jugendarbeit betrifft, in Graz relativ wenig passiert, in den letzten Jahren blieb es vielfach bei Lippenbekenntnissen. Es gibt keinen einzigen jungen Spieler – und mit jung meine ich 17 oder 18 -, der eine Chance in der Kampfmannschaft der 99ers erhält. Während es etwa bei den beiden Kärntner Vereinen üblich ist, dass Jugendspieler über das Training in die Mannschaft eingebaut werden, ist man in Graz davon weit entfernt. Viele junge Spieler sehen in Graz keine Perspektive, jemals ins EBEL-Team zu kommen. Leon Konecny beispielsweise ist ein hochveranlagter Spieler, dem die Chance gegeben werden müsste. Daniel Oberkofler und Matthias Iberer, beide gebürtige Steirer, erhielten ihre Möglichkeiten bei den Profis beispielsweise in Linz. Einzig Fabian Weinhandl, er profitierte 2009/10 von der Verletzung von Sebastien Charpentier, hat sich in der Kampfmannschaft etabliert.

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass in Graz durchaus Platz für zwei Mannschaften vorhanden ist. Der ATSE leistet mit seinen vielen Österreichern sehr gute Arbeit und ist momentan Tabellenführer.  Meiner Meinung nach sollte im Nachwuchsbereich eine Kooperation zwischen diesen beiden Vereinen geschlossen werden, um nachhaltig Erfolg zu haben.

TFB: Die Zuseherzahlen in Liebenau sprechen im Moment aber nicht gerade für das Eishockey am Standort Graz…

Znenahlik: Es fehlt hier einfach an den Identifikationsfiguren. Durch die große Kaderfluktuation, vor allem bei den Legionären, ist es schwer, eine Bindung zu einem Spieler aufzubauen. Selbst ich könnte jetzt hier aus dem Stegreif nicht alle Kaderspieler der Graz 99ers aufzählen. Vergleichen wir das zum Beispiel mit Benoit Gratton: Ihn kennt man, ihn assoziiert man mit den Capitals. Er spielt ja mittlerweile auch schon seine vierte Saison in Wien.

TFB: Blicken wir auf die nationale Ebene: Das U18-Nationalteam hat erst im letzten Jahr die Rückkehr in die Division Ib geschafft, die U20 kämpft aktuell in der Division Ia um den Klassenerhalt. Ist Österreichs Nachwuchs wirklich schon so weit von den besten zehn, zwölf Nationen der Welt entfernt, wie es den Anschein hat?

Znenahlik: Unbestritten haben uns einige Länder, die wir zu meiner Nationalteamzeit – hart ausgedrückt – nicht wirklich ernst nehmen mussten, im Eiltempo überholt. Realistisch gesehen, ist Österreich sehr weit vom A-Gruppen-Level entfernt, sowohl auf Senioren-, als auch auf Juniorenniveau. Eine Weiterentwicklung ist hier für die letzten Jahre nicht zu erkennen. Es bedarf neuer Konzepte, die in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren greifen müssen. Als Vorbild können hier die Strukturen in der Schweiz gesehen werden. Unsere Nachbarn haben sich mittlerweile in allen Altersklassen in der A-Gruppe etabliert. Dazu müssen aber Verband und Liga ins Boot geholt werden.

TFB: Am vergangen Dienstag gab es in Klagenfurt ein Treffen der Vereinspräsidenten, bei dem  – einmal mehr – die Zukunft der EBEL besprochen wurde. Wie interpretieren Sie die Ergebnisse, wie etwa die Beibehaltung der Punkteregel in ihrer aktuellen Form, die „Try-out-Phase“ bis November oder die Einführung eines U20-Bewerbs aller Vereine?

Znenahlik: Mir fehlen die Worte, wenn man eine Punkteregel, die nur den Vereinen hilft, für das österreichische Eishockey aber tödlich ist, beibehält. Ich vermisse hier ganz klar das Einspruchsrecht des Verbandes. Die Klubs in Österreich denken primär an den eigenen und schnellen Erfolg, dass auf lange Sicht gesehen das österreichische Eishockey so aber zum Scheitern verurteilt ist, sehen nur ganz, ganz wenige.

TFB: Welche Alternativen würden Ihnen hier ad hoc einfallen?

Znenahlik: Eine strikte Legionärsbeschränkung. Ohne die ist das Eishockey in diesem Land auf verlorenem Posten. Eine Statistik, die nicht mehr näher beschrieben werden muss besagt, dass im Moment (Anm.: Stand vom 16.12.2011) unter den ersten 40 der EBEL-Scorerliste nur vier Österreicher stehen – vier! Soweit ich mich erinnern kann, ist das einzigartig, historisch wie international gesehen. Durch eine Limitierung der Anzahl an Legionären müssten sich die Vereine mehr Gedanken über die Verpflichtung von Imports machen. Diese wenigen und dadurch besseren Spieler würden dann die jungen Österreicher an das entsprechende Niveau heranführen. Cracks mit dieser Funktion oder diesen Fähigkeiten fehlen im Moment fast zur Gänze.

TFB: Sie kritisieren also die mangelnde Qualität vieler Importspieler?

Znenahlik: In der EBEL gibt es derzeit zu viele zweitklassige Legionäre, die den nachrückenden Österreichern den Platz versperren. Hier bin ich von Villach, dem Paradebeispiel der letzten Jahre, ein wenig enttäuscht, muss ich offen sagen. Mit zehn Ausländern im Kader spielen sie nicht unbedingt besser als vor wenigen Jahren, mit dem Unterschied, dass es damals noch bedeutend weniger waren. Ich habe auch das Gefühl, dass dadurch die Villacher Identität, die an der Drau immer vorherrschend war, ein wenig verloren geht.

Allgemein vermisse ich in Österreich die – wie wir arrivierte Spieler sie nennen – Käfigspieler. Jene, die bis zu ihrem 18. Geburtstag mit Gitter am Helm spielen müssen. Ein Lösungsmöglichkeit wäre ein Agreement der Präsidenten, dass meinetwegen nur diese vierten Blöcke gegeneinander spielen. Das muss allerdings von der Führungsetage der Vereine beschlossen werden. Ein ausländischer Trainer, der nur kurze Zeit beim Klub ist, wird nicht sonderlich erpicht darauf sein, junge Spieler heranzuziehen. Meines Wissens nach gibt es aktuell in der ganzen Liga nur einen solchen Spieler und das ist Johannes Bischofberger in Salzburg.

TFB: Wie sehen Sie die Zukunft der EBEL bezüglich ihrer Zusammensetzung?

Znenahlik: Die nicht-österreichischen Mannschaften sind großteils eine Bereicherung, keine Frage. Trotzdem bin ich der Meinung, dass  eine gesunde Eishockeynation eine eigene Liga haben sollte. In der momentanen Situation können sich die Vereine aus Vorarlberg und Tirol eine Teilnahme an der EBEL finanziell nicht leisten. Es sollte jedoch angestrebt werden, diese Klubs mit ins Boot zu holen. Parallel dazu müsste es dann die nun beschlossene  Nachwuchsliga geben.

TFB: Das Nationalteam ist im Mai zum vierten Mal in Serie aus der A-Gruppe abgestiegen, selten erfolgte der Rückschritt in die Zweitklassigkeit auf ernüchterndere Art und Weise. Der Verband verordnete sich daraufhin eine Revision und strukturelle Neuausrichtung – auch mit externer Hilfe. Glauben Sie an Veränderungen, die auch wirklich etwas bewirken?

Znenahlik: Nun ja, wäre Österreich im Vorjahr nicht so sang- und klanglos abgestiegen, bin ich mir sicher, es gäbe kein Consulting-Unternehmen, das sich um Strukturverbesserungen kümmern soll. Vielmehr würde alles übertüncht werden und man würde weitermachen wie bisher. In den nächsten Jahren kann meiner Meinung nach auch der Klassenerhalt in der Division Ia gefährdet sein, wenn es nicht zu einem Umdenken kommt. Wie soll ein österreichischer Spieler im Nationalteam in den Special Teams gut spielen können, wenn im Verein dafür die Legionäre zuständig sind? Wie vorhin bereits erwähnt, zählt aber für den Großteil der Klubs eben nur der schnellst- und größtmögliche Erfolg, also bleiben Erfolge des Nationalteams entsprechend auf der Strecke.

TFB: Als Analyst im ORF-Studio nehmen Sie sich kein Blatt vor den Mund und sprechen Defizite offen an, was Sie im Kreise der Eishockeyinteressierten sehr populär macht. Gleichzeitig weiß man um die beschränkte Kritikfähigkeit der ÖEHV-Führung. Wie sehen Ihre diesbezüglichen Erfahrungen aus, haben Sie das Gefühl, Ihre Anmerkungen fallen auf fruchtbaren Boden?

Znenahlik: Es kann nicht sein, dass jeder, der kritisiert, automatisch als Ahnungsloser abgestempelt wird. Ich denke, ich kann von mir behaupten, dass ich in Sachen Eishockey kein ganz Unwissender bin. Beim Verband bin ich mit meiner Kritik aber auf weit weniger Ablehnung gestoßen als etwa bei den Graz 99ers. Beispielsweise habe ich auch mit Spielern aus dem letztjährigen WM-Kader gesprochen, die an sich selbst große Kritik geübt haben und nicht dem ÖEHV alleine den Schwarzen Peter zuschieben wollten.

TFB: Für Oliver Setzinger beispielsweise ist nach seiner Kritik am Verband und dessen Präsidenten die Teamkarriere vorerst vorüber…

Znenahlik: Grundsätzlich bin ich der Meinung, es sollte von Nationalspielern Kritik geübt werden dürfen. Inhaltlich gesehen, würde ich sagen, dass seine Rhetorik wohl etwas überzogen war. Ich war auch sehr verwundert, dass die Suspendierung Olivers erst nach vier Monaten ausgesprochen wurde und nicht gleich sofort. Auch andere Spieler wie Matthias Trattnig oder Thomas Vanek haben Kritik geübt, blieben aber konstruktiver. Deren Anregungen sollten schon bedacht werden. Es herrscht ein wenig zu sehr das “Wir-Sind-Wir-Gefühl” vor, Kritik, die von außen kommt, kann nur falsch sein. So zumindest meine Einschätzung.

TFB: Für das Nationalteam steht nun der Österreich Cup an. Bei der Kaderbekanntgabe kommunizierte der Verband, dass “die besten zur Verfügung stehenden Spieler” nominiert wurden. Teilen Sie diese Einschätzung, denken wir etwa nur an das Beispiel des gebürtigen Grazer KHL-Goalies Bernd Brückler?

Znenahlik: Es steht mir nicht zu, hier aus Graz aus über einzelne Spieler zu urteilen, dafür bin ich zu weit entfernt. Bernd ist hier aber nicht der Einzige, auch ein Markus Peintner (Anm.: ligaweit zweitbester österreichischer Torschütze) fand keine Berücksichtigung. Was andererseits doch augenscheinlich ist, ist die Kärntenlastigkeit des Teams. Keine Frage, in Kärnten wird Eishockey gelebt wie in keinem anderen Bundesland Österreichs. Das weiß ich auch zu schätzen. Ich habe es vor einigen Jahren selbst erfahren, wie es ist, als Nicht-Kärntner im Nationalteam zu spielen. Die Nominierungen, sogar die in den Nachwuchsteams, werden von Kärnten aus vollzogen. Emanuel Viveiros ist KAC-Trainer, der Verbandskapitän Obmann beim VSV. Das sind Dinge, die der Stimmung im Team nicht wirklich zuträglich sind.

TFB: Beim Betrachten des Kaders offenbaren sich mir einige Schwachstellen. Nicht einzelne Namen betreffend, sondern vielmehr hinsichtlich mancher Mannschaftsteile, Stichwort Roleplayers. Mir erschließt sich aus dieser Konstellation keine erkennbare Spielphilosophie. Sehen Sie eine solche?

Znenahlik: Ich würde Viveiros noch ein wenig Zeit geben. Er hat sicherlich klare Vorstellungen bezüglich eines Systems. Das Turnier in Klagenfurt ist stark besetzt, es wird ein erster großer Prüfstein sein. Die  wirkliche Nagelprobe wird dann allerdings die WM sein, bei der sich zeigen wird, wie gut sein Konzept greift. Eines muss auch klar sein: Nach derzeitigem Stand der Dinge und ob der aktuellen  Zukunftsperspektiven ist es, wie ich finde, vollkommen klar, dass wir nicht so bald wieder im sogenannten „Konzert der Großen“ dabei sein werden. Es ist augenscheinlich und bitter, dass in den letzten Jahren einige Talente dem Eishockey den Rücken gekehrt haben – aufgrund der fehlenden Perspektive. Beim KAC fehlt im Nachwuchs beispielsweise eine ganze Spielergeneration.

 

ZUR PERSON

Peter Znenahlik (49) debütierte 1981 bei WAT Stadlau in der Eishockey-Bundesliga und sammelte in 20 Jahren in der höchsten Spielklasse 901 Scorerpunkte (719 Spiele). In 93 Partien trug er das Trikot der österreichischen Nationalmannschaft, dessen Spiele er heute als TV-Analytiker im ORF begleitet.