Österreich

The Fanblog.at

zur DE-Ausgabe
  • ÖEHV
  • ÖEHV

EBEL Interviews

Interview mit STV-Kommentator Sebastian Schwele



Lange Jahre hat er selbst gespielt, etwa beim ESV Kaufbeuren in der DEL oder beim EHC München, dessen Gründungsmitglied er auch ist. Die dabei gesammelten Erfahrungen und Einblicke sind wohl ein wesentlicher Mitgrund dafür, dass es Sebastian „Basti“ Schwele mit fachkundigen und ebenso erfrischenden Kommentaren gelingt, die von ServusTV übertragenen Spiele der Erste Bank Eishockey Liga in kompetenter und authentischer Art und Weise in die Wohnzimmer der Eishockeynation zu bringen.

Über seinen Werdegang, die Herausforderungen in seinem Beruf und den Entwicklungsstand des österreichischen Eishockeys spricht der beliebte Kommentator im thefanblog.at-Interview mit Armin Biedermann.

TFB: Herr Schwele, für den Großteil der ServusTV-Zuseher sind Sie eine der neuen Stimmen der Eishockeyübertragungen. Wann und wie kamen Sie mit dem Eishockey erstmals in Kontakt?

Schwele: Ich bin im Allgäu in Bayern in der Kleinstadt Buchloe aufgewachsen. Dort gab es damals außer Fußball und Eishockey nicht viel. Mit fünf Jahren begann ich beim lokalen Verein, dem ESV Buchloe, zu spielen. So kam ich hin und nicht mehr weg – vom besten Sport der Welt.

TFB: Zumindest passiv sind Sie ja noch mit Leib und Seele dem Eishockey treu geblieben. Warum kam 2008 das Karriereende?

Schwele: Nach einem Wadenbeinbruch im Jahre 2007 konnte ich nicht mehr in dieser Art und Weise und auf diesem Niveau Eishockey spielen, wie ich es von mir selbst erwartet habe. Und da man selbst meist sein größter Kritiker ist, habe ich aus diesem Grund meine aktive Karriere beendet. Der Kopf sagt nach wie vor, es war die richtige Entscheidung, wollte ich doch meine berufliche Karriere ein bisschen in Schwung bringen, das Herz bestreitet dies aber noch immer vehement. Wenn man mit dem Hockey aufhört, vermisst man es doch sehr, vor allem die Kabine.

TFB: Ihr Wechsel ins Lager der Sportkommentatoren scheint somit ein fast logischer nächster Schritt zu sein. Ist ein journalistischer Hintergrund aus Ihrer Sicht Pflicht oder ist auch ein „Quereinstieg“ möglich?

Schwele: Ich sage es mal so: Man kann Bäcker werden, ohne das Handwerk erlernt zu haben, aber dann kann man eben vielleicht keine Sacher Torte backen. Im Ernst, wer Talent hat, kann immer quer einsteigen, ganz egal wo. Mit den Basics vertraut zu sein, schadet aber sicher nicht. 

TFB: Was macht aus Ihrer Sicht einen guten Eishockey-Kommentator aus?

Schwele: Schwierige Frage. Man sollte sich auf das Spiel einlassen, viel über Eishockey und die Protagonisten wissen, darüber hinaus aber natürlich verstehen, diese Kenntnisse auch richtig einzusetzen. Außerdem muss man dem Zuseher auch mal Pausen gönnen und allgemein nicht oberlehrerhaft wirken, sondern vielmehr das Spiel begleiten. Es kann daher auch nicht schaden, das Spiel „lesen“ zu können. Wichtig ist zudem natürlich eine abwechslungsreiche Wortwahl und ein bisschen Schmäh, denn im Grunde ist Sport ja auch Unterhaltung.

TFB: Wir haben schon über Ihre innige Beziehung zum Eishockey gesprochen, gibt es für Sie so etwas wie einen Lieblingsspieler?

Schwele: Immer schon Steve Yzerman!

TFB: Und ein Lieblingsteam?

Schwele: Nicht nur aus Gründen der journalistischen Neutralität habe ich kein Lieblingsteam. Wenn man allerdings, so wie ich beim EHC München, zehn Jahre bei einem Verein spielt und dort auch Gründungsmitglied war, bleibt schon ein bisschen etwas hängen.

TFB: Diese Saison ist die erste in der EBEL-Geschichte, in welcher die Spiele im Free-TV zu empfangen sind. Welche Auswirkungen hat dies auf den Sport in den Ländern der teilnehmenden Klubs?

Schwele: Ich denke, dass es ein enormer „Push“ für die Sportart Eishockey in diesen Ländern ist, die Spiele im Free-TV oder online sehen zu können. Der Zuseher kann nun von einem großen Service Gebrauch machen: In den Play-Offs gibt es Live- und Konferenzschaltungen sowie alle Tore von allen Begegnungen. Auch werden strittige oder spielentscheidende Szenen, wie schon im Grunddurchgang, von unseren Experten erklärt und analysiert.

TFB: Wie in jedem Job, gibt es auch in Ihrem Unzulänglichkeiten und Dinge, über die man vielleicht auch noch nach der Übertragung zu Hause nachdenkt…

Schwele: Es kommt vor, dass man eine Szene am Eis von der Kommentatorenposition falsch sieht bzw. einschätzt. Fehler passieren eben, beim nächsten Mal schaue ich dann noch genauer hin. Wie gesagt, man ist meist selbst sein größter Kritiker. Dass man es mit seiner Sicht der Dinge nicht allen recht machen kann, steht außer Frage, man polarisiert. Damit muss man umgehen können. Die Parallelen zur Situation am Eis sind groß: Bringst du deine Leistung nicht, setzt dich der Coach auf die Bank oder du wirst von den Zusehern ausgepfiffen.

TFB: Die Regular Season ist bereits beendet, wie stehen mitten in den Play-Offs. Ein Kurzresümee Ihrer bisherigen Highlights:

Schwele: Ich bin ein Fan des härteren Hockeys, Checks und auch die eine oder andere Schlägerei sind das Salz in der Suppe, daher mein Highlight des Grunddurchgangs: Ramzi Abids KO-Schlag gegen Brett Lysak. Auch die längste Overtime der gesamten EBEL-Geschichte war wirklich interessant. Wie sehr die Fans hinter ihrer Mannschaft stehen (können), sieht man in Zagreb: Trotz einer eher verhaltenen Leistung der Heimischen gegen die Vienna Capitals (Anm.: Basti Schwele kommentierte dieses Spiel live) wurde das Team von 15.200 Fans frenetisch nach vorne gepeitscht und toll unterstützt. Nicht zu vergessen sind in der Kategorie Highlights auch zwei Spieler: Rafael Rotter mit seinem Angriff auf den Schiedsrichter sowie Daniel Oberkofler. Der Linzer Stürmer hat meiner Meinung nach unglaubliches Potential, das er heuer einige Male aufblitzen ließ. 

TFB: Sie sprechen von Potential. Welches Potential hat die EBEL bzw. wo würden Sie sie international einordnen?

Schwele: Man kann sich nur wiederholen. Das Niveau wird von Jahr zu Jahr besser. Man sieht ja in den Saisonvorbereitungen, dass auch Teams aus anderen Nationen teilweise überraschend geschlagen werden können. Die Unterschiede werden immer kleiner, einer betrifft jedoch die Importspieler. Diese haben in den anderen europäischen Ligen meist ein niedrigeres Alter und sind auch ein wenig besser als die Legionäre in der EBEL.

TFB: Direktvergleich DEL und EBEL – wo sehen Sie als ehemaliger DEL-Profi die Unterschiede zwischen den beiden Ligen? Über die letzten Jahre scheint sich das spielerische Niveau stark angeglichen zu haben.

Schwele: Wie leider so oft, liegt der Unterschied in erster Linie im finanziellen Bereich. In der DEL spielen vielleicht ab und an ein paar bessere Ausländer, aber ich meine, man sollte nicht immer auf die Anderen schauen. Das Niveau in der EBEL wird von Jahr zu Jahr besser und was viele Spiele etwa jenen aus der DEL voraus haben, ist, dass mit viel Leidenschaft gespielt wird und Emotionen dabei sind, die sich letztendlich auch auf das Publikum und die Stimmung übertragen.

TFB: Die Meisterschaft der EBEL geht spätestens am 14. April 2011 zu Ende. Für Österreich und Slowenien beginnt in Bratislava bzw. Košice knapp zwei Wochen später die WM. Wie würden Sie die Möglichkeiten beider Teams sehen?

Schwele: Ganz ehrlich, für Slowenien wird es richtig schwer. Mit Gastgeber Slowakei und Russland sowie Deutschland in einer Gruppe scheint der Gang in die Relegation nur schwer vermeidbar zu sein.

Wenn das Team Österreich weitestgehend komplett antreten kann, wird der Klassenerhalt sicher geschafft. Österreich hat gute Legionäre, die sich auf der ganzen Welt im harten Konkurrenzkampf weiterentwickeln. Wenn Pöck, Setzinger, Grabner, Komarek und dazu eventuell Vanek sowie Nödl kommen sollten, gepaart mit den besten Spielern der heimischen Liga, dann dürfte der Abstieg eigentlich überhaupt kein Thema sein. Norwegen wird der Gegner sein, gegen den es sich entscheidet, ob man in die Relegation muss oder nicht. Auch die USA haben in der Vorrunde traditionell ihre Probleme, erinnern wir uns nur an das Eröffnungsspiel der letzten WM gegen Deutschland, als es ein 1:2 nach Verlängerung setzte.

TFB: Zurück zu Ihrem Beruf: Sie wirken bei jeder Übertragung perfekt vorbereitet. Wie läuft Ihre Vorbereitung auf die Livespiele bei ServusTV prinzipiell ab? Welche Informationsquellen nützen Sie?

Schwele: Hinter einer Übertragung steckt recht viel Aufwand, bei mir dauert die Vorbereitung auf ein Spiel meist viel länger als der Kommentar selbst. Das können dann schon mal zwischen sechs und acht Stunden sein. Es geht darum, alle Statistiken der Spieler und Teams zu aktualisieren, Verbindungen zwischen Spielern oder Trainern herzustellen, alte Rivalitäten, Geschichten und Anekdoten herauszufiltern. 

Dazu kommt das Update zur Situation in den jeweiligen Vereinen: Was geht da gerade ab, wer ist warum verletzt, was hat sich in der laufenden Woche getan? Zu diesem Zweck gibt es in der Regel auch ein paar Mails oder Anrufe an die jeweiligen Funktionäre, Trainer oder Spieler in den Klubs. So entwickelt sich mit den Jahren eine schöne eigene Datenbank.

Darüber hinaus wird natürlich auch von unserer Redaktion im Hintergrund an Themen gearbeitet. Nicht zu vergessen, der dabei wichtigste Mann und Ansprechpartner: Joschi Wisberger, ohne den und seine Datensammlung wir oft ziemlich verlassen wären. Dazu kommt natürlich alles, was das Internet an Informationen hergibt. Ganz ehrlich, man fragt man sich oft, wie die Kollegen das vor der Erfindung des Netzes eigentlich geschafft haben. (grinst) Letzten Endes brauche ich vielleicht ein Viertel der Inhalte, die aus meiner Vorbereitung am Zettel stehen, allerdings ist es immer gut, wirklich alles in der Hinterhand zu haben. 

TFB: Zum Abschluss noch ein kurzer Wordrap. Was fällt Ihnen spontan zu den folgenden Begriffen ein:

Servus Hockey Night?
Kann man Eishockey besser präsentieren? Ich glaube kaum. (grinst)

Co-Kommentatoren?
Kompetent, durchgeknallt und mit sehr viel Humor ausgestattet.

Cable Guys?
Oft im positiven Sinne bedenklich, aber die Jungs „haben fucking Eier“.

Social Media, insbesondere Twitter?
@HB_Crunchtime…

Gordie Howe Hattrick?
Eine der größten Auszeichnungen für einen Spieler in einer Partie – wenn dann noch die Plus/Minus stimmt.

NHL-Export Thomas Vanek?
Verdammt stark.

NHL-Rookie Michael Grabner?
Verdammt schnell.

EBEL Punkteregel?
Fehlende Transparenz und ein sich mir nicht immer erschließender Sinn.

 

ZUR PERSON

Sebastian Schwele (35) ist ehemaliger Profi, der parallel zu seiner Karriere stets auch einem Zweitjob nachging. Nach dem Studium der Politikwissenschaft und dem Besuch der Bayrischen Akademie für Fernsehen (BAF) schlug er eine journalistische Laufbahn ein und arbeitet seither als Eishockey-Kommentator. Schwele lebt in München, ist glücklich verheiratet und Vater eines zweijährigen – natürlich eishockeyverrückten – Sohnes.

(Aktualisierte Version vom 10. Dezember 2011)