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Quo vadis, Vindobona (Wien)?
Christof Prodinger [apc], 6. Januar 2012 14:10

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Die Vienna Capitals wollen in der EBEL-Saison 11/12 nicht auf Touren kommen. Eine Direktqualifikation für die Play-offs scheint zum aktuellen Zeitpunkt unrealistisch, das Team findet sich – bei noch sechs ausständigen Spielen im Grunddurchgang – am enttäuschenden siebten Platz wieder. Die Wiener “Vorzeige-Organisation” mit perfektem Umfeld in der neuen Albert-Schultz-Halle strauchelt. Ein Kommentar von Christof Prodinger.

 

Der Faktor IMPORTS

Über die Skills von Gratton, Fortier und Bjornlie muss man nicht diskutieren – potentielle Topimports. Jonathan Ferland war ein intelligentes Pre-Season Signing, auch hier wusste man exakt, was man vom Villacher Ex-Kapitän erwarten darf. Thema Altlasten: Mit Marcel Rodman und Peter Casparsson finden sich im heurigen Kader zwei Vier-Punkte-Spieler, die man besser nicht signiert hätte (trotz bestehenden Vertrags von M-Rod). Es war kein Geheimnis, dass Marcel ohne seinen Bruder David sein spielerisches Potential nicht voll abrufen kann und Casparsson ist mit seinen 36 Jahren mittlerweile weit über seinem Zenit. Der junge Schwede Filip Gunnarsson kann – als Vier-Punkte-Spieler – mittlerweile durchaus als “Fehlgriff” bezeichnet werden (vor allem im direkten Vergleich zu EBEL-Topspielern wie Hughes oder Ouellette, die ebenfalls vier Punkte zählen).

Nathan Robinson ist ein klassischer One-Way Player, der in der Offensive spielerische Akzente setzen kann, aber aufgrund seiner Turnover und Defensivschwäche ein hoher Risikofaktor ist.  Pat Kavanagh und Jon Insana demonstrierten bisher vor allem eines, nämlich warum sie in Iserlohn ausgemustert wurden. Ähnliches gilt bei Blueliner Ross Lupaschuk – defensiv eher der „Kategorie: Freischwimmer“ zuzuordnen und bei drei der vier heuer kassierten Shorthander am Eis. Es dürfte recht gute Gründe geben, wieso ein Kavanagh über die letzten fünf Saisonen fünf verschiedene Teams hatte, bzw. ein Insana oder ein Lupaschuk gar sechs respektive sieben. Nicht nur für die Fans drängt sich zwangsläufig die Frage auf, ob potentielle Wiener Neuzugänge auch von den Verantwortlichen vor Ort und mit eigenen Augen beobachtet werden, bevor man sie für teures Geld unter Vertrag nimmt. Der Verdacht drängt sich auf, dass dem nicht so ist.

 

Der Faktor HOCKEY OPERATIONS

Lange bevor 2002 mit Caps-Goalie Reinhard Divis erstmals ein österreichischer Spieler in der NHL zum Einsatz kam, ereilte den Wiener Bernd Freimüller der Ruf aus der stärksten Liga der Welt. Bis 2011 arbeitete er 13 Jahre lang er als Europa-Scout der Atlanta Thrashers (jetzige Winnipeg Jets Franchise). Insgesamt ist Freimüller beruflich seit knapp 25 Jahren im Eishockey engagiert – ein Experte, der letzten Sommer auch für die Capitals-Organisation zu haben gewesen wäre. Mit seinen Fähigkeiten und Kontakten wäre er eine perfekte Wahl für die Wiener gewesen. Mit ihm hätten die Capitals einen Mann, der in Wien lebt und aufgrund seiner langjährigen Scouting-Erfahrung praktisch jeden Spieler in Europa kennt, zur Hand. Langjährige Erfahrung auf höchstem Niveau reicht in Wien aber offensichtlich nicht aus, um bei Spielertransfers konsultiert oder eingebunden zu werden. Alleine das Netzwerk eines Mannes mit diesem Format ist in Österreich konkurrenzlos.

 

Der Faktor SAMUELSSON

Auf der Position des Headcoaches gelang den Capitals vor der Saison ein toller Move: Direkt vom schwedischen Champion Färjestad BK konnte man den Meistermacher Tommy Samuelsson loseisen und ihn für ein Engagement in Wien gewinnen. Die zukunftsorientierte und in Richtung Europaliga tendierende Ausrichtung der Organisation gab hierbei den wohl entscheidenden Ausschlag, warum sich der Schwede für den Posten in Wien begeistern ließ. Obwohl er bei der Kaderplanung nur punktuell mitreden durfte, gibt sich “TS” als absoluter Gentleman und trägt die getroffenen Transferentscheidungen solidarisch mit. Problematisch ist sicher auch, dass ein Großteil der Spieler – scheinbar aufgrund unzureichenden Spielverständnisses – bisher nicht in der Lage ist, das System des “Taktikfuchses“ Samuelsson zu hundert Prozent auf das Eis zu bringen. Auch in diesem Punkt hätte man schon weit im Vorfeld gegensteuern können, indem man etwa Freimüller an Bord holt bzw. den Coach mehr in die Kaderplanung miteinbezieht. Gut, dass Samuelsson über einen Zwei-Jahresvertrag verfügt (2011 – 2013).

 

Der Faktor ÖSTERREICHER

Mit Rotter und Ofner fehlen zwei wichtige einheimische Stützen, die praktisch nicht zu ersetzen sind. Stürmer Harald Ofner ist – aus bekannten Rücktrittsgründen – seit November 2011 bei den Capitals Geschichte. Der Unterzahlspezialist hatte heuer ein “Career Year” und war bis zu seinem Ausscheiden fünftbester Scorer der Wiener (13 Punkte in 19 EBEL-Spielen, 0.68 Punkte pro Spiel). 

ÖEHV-Teamspieler Rafael Rotter verletzte sich bereits im vierten Saisonspiel auswärts gegen HC Orli Znojmo – Diagnose: Kreuzbandriss im rechten Knie. Eine sportliche Katastrophe, auf die man bis heute nicht adäquat reagiert hat. Vom Ausfall des quirligen Stürmers ist vor allem Sniper Fortier stark betroffen, der durch Rotters Absenz nicht die Freiräume in der Angriffszone vorfindet, die er für eine neuerliche Traumsaison (Grunddurchgang 10/11: 48 Tore in 51 EBEL Spielen, in Summe 84 Punkte) zwingend bräuchte. Rotter fehlt spielerisch an allen Ecken und Enden, ein nicht zu leugnendes Faktum – speziell im extrem schwachen Powerplay (ligaweit Platz neun).

 

Der Faktor ZEBRAS

Die Schiedsrichter-Diskussion. Ein leidiges Thema in bzw. für Wien. Dass man sich häufig benachteiligt fühlt, ist oftmals nachvollziehbar. Wenn man die Situation genau analysiert, stellt man jedoch rasch fest, dass man an der Misere durchaus auch selbst Mitschuld trägt. In Salzburg sind es Trattnig, Raffl, Welser oder Latusa, in Villach Pewal, Unterluggauer oder Petrik, beim KAC Brandner, Schuller oder Ratz, die das Gespräch mit den Schiedsrichtern suchen – und in Wien? Benoit Gratton als Kapitän, Dan Bjornlie und Marcel Rodman als Assistenten – alleine sprachlich liegen hier gewisse Kommunikationsprobleme mit den Refs auf der Hand. Grattons cholerische Ader macht ihn bei den Schiedsrichtern zudem nicht gerade zu jenem Spieler, dem man großes Verständnis entgegenbringt. Bjornlie spielt durchschnittlich über 25 Minuten pro Spiel und braucht in Unterbrechungen primär seine Regenerationszeiten, Rodman ist verletzungsanfällig und häufig nicht am Eis. Kurzum, die Capitals haben hier aktuell einen schweren Stand und bei der Vergabe der Kapitänsämter kein glückliches Händchen. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei engen Spielen in ausverkauften Arenen Entscheidungen gegen die Vienna Capitals getroffen werden, ist damit tendenziell höher als bei anderen EBEL-Teams.

 

Der Faktor UNSICHERHEIT

Paart man die genannten Faktoren mit der ob der sportlichen Situation nachvollziehbaren allgemeinen Verunsicherung, die im Team aktuell vorherrscht, ist auch das Nicht-Funktionieren der Special Teams – ehemals Wiener Paradedisziplin – verständlich. Vor allem die neu formierten Powerplayblöcke Ferland-Gratton-Fortier sowie Robinson-Kavanagh-Rodman müssen in dieser Qualitätseiszeit einfach mehr bringen.

Ansonsten ergibt sich genau die jetzige Situation: Einen für einen als Titelfavoriten ins Jahr gestarteten Klub sehr unbefriedigenden Tabellenrang, der im Schnitt nur 4.700 Fans in die neue 7.000er-Arena lockt und die direkte Qualifikation für die EBEL-Playoffs mehr als fraglich erscheinen lässt. Das einzig Positive: Wien ist nicht allein, mit Villach steht auch ein zweiter Klub, den man sich viel weiter oben in der Tabelle erwartet hätte, vor dem harten Gang in die Qualifikationsrunde.

 


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