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Das zweite heimische EBEL-Sorgenkind ist der Villacher SV. Auch die Villacher Adler halten derzeit stark Kurs auf die “Low 5″ und werden die Direktqualifikation für die Play-offs nach der enttäuschenden Vorstellung am Freitag gegen Olimpija Ljubljana wohl verpassen. Das ist für die Ansprüche eines Kärntner Traditionsklubs zu wenig. Neben den Vienna Capitals (siehe Beitrag von vorgestern) müsste die Fehleranalyse auch in Villach bereits erfolgt sein, große Ansprachen kann man sich jetzt sparen. Ein Kommentar von Christof Prodinger.
Der Faktor 3.LINIEN-CENTER
Neuzugang Marco Pewal hat sich seine Rückkehr nach Villach sicher anders vorgestellt. Die aktuelle Kadersituation zwingt ihn, die dritte Linie zu centern, da beim “munteren Legionärstausch” Mitte November kein nomineller Center für Lynn Loyns nachbesetzt wurde. Neben Loyns mussten seinerzeit auch Kyle Wanvig (RW/LW) und Pierre-Luc Sleigher (RW) gehen – mit Mike Craig (RW), Shanye Toporowski (RW) und Markus Peintner (LW) kamen wieder drei gelernte Flügelspieler. Dass Kapitän Pewal seine offensiven Geniestreiche aus Salzburger Zeiten in einer Shut down oder Checking Line nicht immer ausspielen kann, sollte keine Überraschung sein. Das spiegelt sich in seinen bisherigen Saison-Stats wider (8 Punkte in 25 EBEL-Spielen, 0.32 Punkte pro Spiel). Zum Vergleich: In Salzburg hat er über sieben EBEL-Saisonen im Durchschnitt 0.89 Punkte pro Spiel (nur Grunddurchgang gerechnet) gemacht. Es ist auch auszuschließen, dass Pewal seinen Scoring Touch durch die erlittene Finger-Verletzung in Runde sechs gegen Zagreb verloren hat. Interessant auch, dass aktuell mit Benjamin Petrik (6+2) ein punktemäßig eher limitierter Role Player in der teaminternen Scorerwertung vor ihm liegt, die Stay-at-home-Verteidiger Mario Altmann (1+4) sowie Andreas Wiedergut (2+2) knapp dahinter.
Der Faktor TRANSFERS
Bei der offiziellen Pressekonferenz im August 2011 sprach Trainer Mike Stewart vom “stärksten VSV aller Zeiten”. Das Ergebnis ist mittlerweile bekannt: Hohe Telefon-/Handyrechnungen und noch höhere Ablösezahlungen für erfolglose Import-Abenteurer. Doch wer ist/war wirklich verantwortlich für die Legionärsflops der laufenden (und auch der vergangenen) Saison(en)?
Von Obmann Giuseppe Mion, der lange Zeit scheinbar alleinverantwortlich das Team zusammenstellte, ist in der heurigen Saison medial wenig zu hören und der Trend, dass man sich bei Importspielern fast blindlings auf (externe) Spielermanager wie Patrick Pilloni oder Thomas Cijan verlässt, war schon in den letzten Jahren immer häufiger zu beobachten (Kiel McLeod, Nate DiCasmirro etc.). Die getätigten Transfers können somit als purer Aktionismus bilanziert werden, sind jedoch alles Andere als nachhaltig (siehe Alter!). Die Idee der “Kasseler-Wiedervereinigung” von Damon und Sleigher ging nicht auf, Wanvig wie auch Loyns entpuppten sich als klassische Fehlinvestitionen, Craig ist 40, Toporowski 36. Professionelle Kaderplanung mit Weitblick sieht sicher anders aus und wird im kommenden Sommer zum x-ten “Neustart” führen.
Der Faktor NACHHALTIGKEIT
Nachhaltigkeit in der Vereinsarbeit mutierte in Villach in den letzten Jahren mehr und mehr zum Fremdwort. Der Kärntner Traditionsklub galt jahrelang als österreichweites Vorzeigebeispiel von erfolgreicher Jugendarbeit. Fakt ist, dass der hoch gelobten Nachwuchsschmiede des Villacher SV eine gesamte Generation fehlt (Jahrgänge 89 – 95) – man hat den ein oder anderen Rohdiamanten (vor allem bei den Goalies), aber keine Brillianten: Seit Schweden-Export Michael Raffl (Jahrgang 88) gibt es nicht ansatzweise einen Eigenbauspieler, dem auf EBEL-Level Erst- oder Zweitlinien-Potential beschieden werden kann. Mit Ausnahme von Andreas Kristler, der letzten Sommer aber in Salzburg unterschrieben hat.
Der aktuelle U20-Topscorer Kristian Kravanja spielte zum Beispiel im Vorjahr noch beim EC Feld am See (Carinthian Hockey League). Die Verpflichtungen von Mike Craig (Jahrgang 71) und Shayne Toporowski (Jahrgang 75) sowie das Interesse am bekennenden “Villach-Hasser” Bob Wren (Jahrgang 74) sind ein deutliches Indiz, dass man vom eigenen Nachwuchs nicht überzeugt ist. Nur leere Worte der Vereinsführung. Die “Jungadler” aus dem (erweiterten) U20-Nationalteamkader Christian Ofner, Marius Göhringer, Patrick Platzer und Christoph Sternat spielen praktisch keine Minute und kommen in der laufenden EBEL-Saison in Summe auf 26 Spiele (0 Punkte). Auch die Eiszeiten von Christof Martinz (1+1), Nikolaus Hartl (2+1) und Michael Köfeler (0+2) sind minutiös limitiert. Ein Commitment an den Villacher Nachwuchs sieht anders aus.
Der Faktor STEWART
Beim VSV muss spätestens seit dem unrühmlichen Ende der “Ära Pasut” Jahr für Jahr besonders genau auf das Budget geachtet werden. Zudem wurden Personalentscheidungen in den letzten Jahren vermehrt nicht nur im Hinblick auf Kompetenz und Wirksamkeit für den jeweiligen Bereich, sondern auch mit einem deutlichen Blick in Richtung Fans getätigt. Bisheriger Höhepunkt: Die Beförderung von Publikumsliebling Mike Stewart zum Headcoach. Der gebürtige Kanadier wurde bereits nach wenigen Monaten vom Assistenten zum Chef “upgegradet”, kann jedoch bis heute nicht wirklich die Fußstapfen seiner Vorgänger wie Ron Kennedy, Greg Holst oder Larry Huras ausfüllen. Problematisch ist auch, dass er als langjähriger Aktiver binnen kurzer Zeit vom “Buddy” der VSV-Spieler zu ihrem Vorgesetzten wurde, quasi direkt vom Eis in den Anzug schlüpfte. Speziell im Bereich Spieltaktik hat Stewart nicht übersehbare Defizite. Bezeichnend auch sein TV-Interview vom letzten Freitag: “Wir müssen irgendwie einen Weg finden, Punkte zu holen.” Launige Interviews im sympathischen “Känglish” mögen den Aboverkauf kurzfristig positiv beeinflussen, doch aus einen unterdurchschnittlich besetzten Kader einen seriösen Play-Off-Kandidaten zu formen, ist für den Trainer-Neuling (derzeit noch?) eine Nummer zu groß.
Der Faktor BACK-OFFICE
Der VSV gilt seit Jahren als Vorzeigeverein in Kärnten und lebt hinter den Kulissen nach wie vor von vielen eifrigen Helfern, die für wenig bis gar keinen Lohn für die Organisation arbeiten. Dass man jedoch einen Betrieb mit Millionenbudget in der Neuzeit ohne professionelles Back-Office nicht mehr führen kann, wurde jetzt endlich auch in Villach erkannt. Doch statt die Strukturen in allen Bereichen zu optimieren, wurde hauptsächlich auf der “Einnahmensseite” investiert. Neben Multi-Manager Stefan Widitsch (verantwortlich für Marketing, Sponsoring und Produktmanagement) wurde Ex-Goalie Gert Prohaska neu ins Management befördert, er darf sich seit Saisonbeginn um die Kommunikation, Presse und PR der Blau-Weißen kümmern. Im “Verkauf” wurden also die Mängel der vergangenen Jahre scheinbar erkannt und (teilweise) ausgemerzt, während so unbedeutende Bereiche wie Coaching und Scouting weiterhin (fachlich) unterbesetzt bzw. inexistent sind.
Die Folge: Der Live-Ticker auf Facebook erzählt immer seltener von sportlichen Erfolgen der Adler, aber immer häufiger – in oft unerträglicher Regelmäßigkeit – von den neuesten Verkaufsschlagern aus dem Fanshop. Toaster und Strampelanzüge als Ersatz für Tore und Siege – wie lange die VSV-Fans dieses “Alternativ-Programm” wohl akzeptieren werden?
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