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Eishockey Allgemein

Interview mit Goalie Andreas Bernard



Denkt man ans italienische Nationalteam und deren Torhüter, so fallen einem bekannte Namen ein – Jim CorsiNick SanzaMike ZanierDavid DelfinoRoberto RomanoBruno CampeseMike RosatiMario BrunettaPat MazzoliJason MuzzattiAdam Russo, oder jüngst Daniel Bellissimo. Alle diese Goalies wurden aus Nordamerika geholt, um das italienische Nationalteam zu verstärken. Bei weitem nichts Verwerfliches und auch in Österreich besonders in der Vergangenheit gerne und (allzu) oft praktiziert. Mit dem Südtiroler Andreas Bernard reift ein Torhüter heran, der in der näheren Zukunft solche Einbürgerungen unnötig machen könnte.

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Zur Person:
Andreas Bernard wurde am 9. Juni 1990 in Bozen geboren und wuchs in Kaltern auf. Seine Hockeykarriere begann er beim SC Auer, ehe er 2006 zu Neumarkt wechselte. In der selben Saison feierte Bernard sein (Nachwuchs-)WM Debüt im Dress der italienischen U18-Nationalmannschaft. Mit der U20-Auswahl seines Heimatlandes gewann der Goalie 2007/08 das Turnier bei der Heim-WM der Division IIA in Canazei. Die folgende Saison verbrachte er größtenteils als Backup beim HC Bozen und absolvierte auf Leihbasis auch einige Spiele für Kaltern in der zweiten italienischen Liga. International ins Rampenlicht spielte sich der Südtiroler bei der U20-WM der Division IB in Dänemark, wo er als bester Torhüter des Turniers ausgezeichnet wurde. Dieser starke Auftritt blieb nicht unbemerkt, Bernard wechselte 2009 in die Nachwuchsabteilung des finnischen Erstligaklubs SaiPa Lappeenranta. Im Folgejahr wurde er bei der U20-WM in Polen (Division IB) erneut zum besten Goalie gewählt. Bereits in der Saison 2010/11 kam er zu ersten Einsätzen für die Profimannschaft von SaiPa: In vier Spielen zeigte Bernard mit einer SVS% von 92.5 und einem GAA von 2.51 sein großes Potential. 2012/13 wurde er von SaiPa an den Zweitligisten Jukurit verliehen: Mit der Mannschaft aus Mikkeli holte Bernard nicht nur den Meistertitel, sondern wurde, da er ligaweit den niedrigsten Gegentorschnitt und die höchsten Savepercentage für sich verbuchen konnte, auch zum besten Torhüter der Mestis gewählt. Beim Spiel gegen den späteren Sieger der Division IA, Kasachstan, feierte er bei der 0:3 Niederlage von Italien sein WM-Debüt im A-Nationalteam, nachdem er bereits im Jahr zuvor bei der A-WM in Helsinki/Stockholm neben Thomas Tragust und Daniel Bellissimo als dritter Torhüter im Ausgebot stand. Aktuell bildet Bernard gemeinsam mit Jussi Markkanen das Torhüterduo bei SaiPa in Finnlands höchster Spielklasse, in bisher zehn Ligaspielen seines Teams kam der Südtiroler bereits zu zwei Einsätzen.

 

 

Andreas Bernard im Spiel gegen  Kasachstan

Andreas Bernard im Spiel gegen Kasachstan bei der Weltmeisterschaft der Div.I im April 2013 in Ungarn. (c) EPA/Imre Foldi

 

 

Dein früherer Coach in Bozen, Jari Helle, spielte eine große Rolle bei deinem Wechsel nach Finnland. Wie kam dieser Transfer im Sommer 2009 zustande?

 

Als ich 2008/09 in Bozen spielte, hat mich Jari Helle bei einer Auswärtsfahrt gefragt, ob ich interessiert wäre, in Finnland Eishockey zu spielen. Anfangs war ich ein wenig zurückhaltend, aber nach einem Gespräch mit meinen Eltern fasste ich den Entschluss, mich einem Try-Out zu stellen. Dieses habe ich dann im Sommer 2009 bei SaiPa Lappeenranta absolviert.

 

Hast du noch Kontakt zu Helle?

 

Nein, leider haben wir uns aus den Augen verloren.

 

Vielleicht kannst du unseren Lesern kurz deinen Spielstil beschreiben? Wo siehst du deine Stärken, wo gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten?

 

Ich würde meinen Spielstil als modern beschreiben, außerdem bin ich eher der ruhige Torwarttyp. Meine Vorzüge sind sicher mein Kampfgeist und meine mentale Stärke. Verbesserungsmöglichkeiten? Gut, verbessern muss man sich immer und überall – und das gelingt nur durch hartes Arbeiten und Training.

 

Wie kann man sich einen typischen Tag während der Saison vorstellen?

 

Im Normalfall klingelt um 8 Uhr der Wecker, zum Frühstück gibt‘s Müsli, Obst und Kaffee. Spätestens um 9 Uhr müssen wir uns in der Kabine einfinden, wo der Trainier unseren weiteren Tagesablauf schildert. Danach bereite ich mich darauf vor, aufs Eis zu gehen, nach der Einheit am Eis folgt entweder ein lockeres Auslaufen oder ein Krafttraining . Das Mittagessen folgt in der Regel zwischen 12 und 13 Uhr, danach ruhe ich mich entweder ein wenig aus oder treffe mich kurz mit Freunden in einem Cafe. Am Nachmittag, meist um 15 Uhr, arbeiten wir an goaliespezifischen Dingen: Zuerst absolviere ich ein Trockentraining, ab 16 Uhr stehe ich dann wieder auf dem Eis. Der Abend dient nach so einem Tag der Entspannung, ich koche selbst und relaxe vor dem TV-Schirm.

 

Du stammst aus Südtirol, absolvierst du dein Sommertraining in deiner Heimat oder in Finnland?

 

Bisher habe ich mich auf die Spielzeiten sowohl in Finnland als auch zu Hause in Südtirol vorbereitet. Sollte ich bei der nächsten Weltmeisterschaft (Anm.: 9. bis 25. Mai in Minsk) im Kader stehen, plane ich, die komplette nächste Saisonvorbereitung in Südtirol zu absolvieren, quasi als Teil des Heimaturlaubs.

 

Stichwort Weltmeisterschaft und Nationalteam: Bei der Weltmeisterschaft 2012 in Stockholm warst du die Nummer drei im italienischen Team, letztes Jahr in Budapest Backup hinter Adam Dennis. Wie beurteilst du deine zukünftigen Chancen im italienischen Nationalteam?

 

Ich bin ganz optimistisch und hoffe, dass mir die Teamführung das notwendige Vertrauen geben wird und ich meine Möglichkeit erhalte, mich zu beweisen.

 

Ähnlich wie das österreichische Nationalteam ist Italien eine “Fahrstuhlmannschaft” geworden – für die Elite-Gruppe zu schwach, für die Division I zu stark. Wie siehst du die Entwicklung des italienischen Eishockeys in den letzten Jahren?

 

Wie die ganz richtige Bezeichnung “Fahrstuhlmannschaft” schon sagt, es war in den letzten Jahren ein ständiges Auf und Ab. Ich hoffe aber, dass uns jetzt mit dem neuen Trainer (Anm.: seit 2012 ist Tom Pokel Nationaltrainer) der Aufwärtstrend erhalten bleibt.

 

Was sollte deiner Meinung unternommen werden, um sich dauerhaft unter den 16 besten Eishockeynationen der Welt zu etablieren?

 

Ich denke, dass man mehr an der Konstanz des Teams arbeiten sollte. Es wäre meiner Meinung nach auch eine gute Idee, mehr junge Spieler einzubauen. Der erste Schritt hin zu einer Verbesserung des italienischen Hockeys war sicherlich, dass Bozen den großen Schritt gewagt hat, sich der EBEL anzuschließen.

 

Dein Bruder Anton spielt ja beim HC Bozen. Wie siehst du nach dem hervorragenden Saisonstart die Chancen des Neulings in der EBEL?

 

Ich denke, im ersten Jahr wird es ziemlich schwer werden, es warten sehr viele Spiele und ein dichter Terminplan. Aber ich hoffe und denke, dass Bozen die Play-Offs erreichen wird – und dann werden sie viele überraschen.

 

Wie intensiv kannst du hier in Finnland die EBEL verfolgen?

 

Zum Glück gibt es ServusTV und Laola1, so kann ich mir immer die Highlights der Partien ansehen. Außerdem verfolge die italienische Liga und meine Ex-Teamkollegen oder Mitspieler aus dem Nationalteam natürlich sehr intensiv.

 

Kommen wir zurück zu dir. Vor einigen Jahren hast du in einem Interview Ari Sulander als dein Vorbild angegeben.

 

Ja, Ari war mein Vorbild, als er noch in Zürich gespielt hat. Zu Hause haben wir häufig Schweizer Eishockey im TV gesehen.

 

Welche Qualitäten hatte er als Torhüter, die du als vorbildhaft erachtest?

 

Mich beeindruckte vor allem seine sehr ruhige Art im Tor, mit der er sehr viel Sicherheit ausstrahlte.

 

Bei SaiPa hast du heuer mit Jussi Markkanen einen sehr routinierten und international erfahrenen Torhüter im Team. Wie sehr hilft dir seine Routine?

 

Ich profitiere sehr von seiner Erfahrung, von einem Spieler wie Markkanen kann man nur lernen. Sowohl im Training als auch im Spiel gibt er mir immer wieder Tipps, wie ich mich verbessern kann.

 

Wer sind für dich aktuell die besten Torhüter der Welt?

 

Sehr gute Frage. Ich denke, alle Torhüter, die es in die NHL geschafft haben, kann man als die besten bezeichnen.

 

Du bist Italiens Torhüterhoffnung und dir wird großes Potential bescheinigt. Wo liegen deine mittel- und langfristigen Karriereziele?

 

Das Ziel muss immer die NHL sein. Aber ich gehe meinen Weg Schritt für Schritt und versuche jeden Tag, mein Bestes zu geben. Am Ende wird man dann sehen, wie weit mich dieser Weg bringt.

 

Viele Eishockeyspieler halten an bestimmten Abläufen vor einem Spiel fest. Bist du ein abergläubischer Spieler, hast du spezielle Marotten?

 

Ich hatte vor ein paar Jahren noch solche Rituale und war abergläubisch, aber mit der Zeit bin ich immer ruhiger geworden und habe mich nur noch auf das Hier und Jetzt konzentriert. Etwas, das ich immer vor einem Spiel mache, ist, dass ich meine Augen schließe und ein paar Mal tief ein- und ausatme. Das hilf mir, mich zu fokussieren und besser zu konzentrieren.

 

Kommen wir zur heurigen Saison in Finnland. SaiPa liegt aktuell am dritten Tabellenplatz in der Liiga, daheim hat man nur ein Spiel verloren. Wie erklärst du dir euren derzeitigen Höhenflug, was macht die Stärke des Teams aus?

 

Die Stärke unseres Teams ist meines Erachtens unser Teamgeist und der unbedingte Wille, zu gewinnen. Wir spielen konstant mit vier Linien, alle kämpfen um jeden Puck und geben in jedem Shift hundert Prozent. Sobald man nicht mehr bereit ist, an die Schmerzgrenze zu gehen, wird es schwierig, ein Spiel zu gewinnen.

 

Niklas Bäckström, Iiro Tarkki, Jussi Markkanen, Jarmo Myllys – sie alle verbrachten einen Teil ihrer Karriere bei SaiPa. Lappeenranta scheint immer wieder ein Anziehungspunkt für gute Torhüter zu sein. Gibt es dafür eine Erklärung?

 

Ich denke der Verein ist deshalb ein guter Platz für Torhüter, weil man hier viel mehr gefordert wird als bei anderen Teams, wo bessere Vorderleute vor einem stehen. Es ist eine einfache Formel: Mehr Schüsse aufs Tor bedeuten, dass man mehr Möglichkeiten hat, dazuzulernen.

 

Finnland stellt derzeit 25 NHL Spieler, mit Rask, Rämö, Lehtonen, Bäckström, Rinne und Niemi sind sechs davon Torhüter. In der AHL lauern sieben weitere Goalies (Anm.: Raanta, Säteri, Gibson, Helenius, Aittokallio, Olkinuora und Ortio) auf ihre Chance. Warum schafft es Finnland, eine so große Anzahl an guten Torhütern herauszubringen? War dieser Umstand auch ein Grund für dich, nach Finnland zu gehen?

 

Jeder Hockeybegeisterte weiß, dass aus Finnland schon seit Jahrzehnten immer wieder sehr gute Torhüter, die Liiga ist ein tolles Sprungbrett. Für mich war daher immer klar, dass ich, wenn ich die Chance habe, in Finnland unterzukommen, diese unbedingt nützen möchte.

 

Schauen wir noch kurz auf deine letzte Saison. Nach dem Titelgewinn mit Jukurit in der Mestis scheiterte dein Team in der Qualifikation für den Aufstieg am Tabellenletzten der Liiga, Ilves. Warum ist es für einen Zweitligisten so schwierig, den Aufstieg zu schaffen?

 

Wir taten uns in der Qualifikation deshalb so schwer, weil wir zuvor schon zehn Spiele in den Mestis-Play-Offs spielen mussten. Direkt an diese dicht gedrängte Phase schloss die Qualifikationsrunde um den Aufstieg an, wir hatten nach dem harten Weg zum Zweitligatitel aber einfach keine Kraft mehr. Meiner Meinung nach ist da das Relegationssystem in Schweden besser durchdacht und auch gerechter.

 

Wo liegen die größten Unterschiede zwischen Mestis und Liiga?

 

Ich denke, der größte Unterschied zwischen diesen beiden Spielklassen ist, dass die Vereine in der Mestis nur halbprofessionell geführt werden und entsprechend geringe Budgets haben. Die Situation hat sich in den letzten Jahren aber stark verbessert, es wird immer intensiver gearbeitet. 

 

 

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für die Zukunft!